Kann man Liebe teilen?
Melanie Mittermaier: Alles über Dreiecksbeziehungen

Früher stand Monogamie, also ewige Treue mit einem Partner, für das optimale Beziehungsmodell. Heutzutage ist das ein bisschen anders – zumindest laut Beziehungscoach und LIFEspeakerin Melanie Mittermaier. Die Affären-Managerin glaubt: „Es gibt Menschen, die ein bisschen zu neugierig und zu offen sind. Diese Menschen müssen sich in einer monogamen Beziehung zusammenreißen und verbiegen.“

Damit die Monogamie trotzdem gewährleistet ist, bilden Paare laut der Expertin Zäune mit Stacheldraht um ihre Beziehungen: „Sie vermienen das umliegende Gebiet und glauben, ihre Beziehung damit zu schützen.“ Kein Wunder, denn Fremdgehen ist eines der krassesten No-Go’s in unserer Gesellschaft. Dabei ist statistisch gesehen schon jeder Zweite mindestens einmal in seinem Leben fremdgegangen. Und jeder Dritte tut es angeblich in der aktuellen Beziehung.

Melanie Mittermaier: „Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben Teil einer Dreiecksbeziehung zu sein, ist viel höher als die Wahrscheinlichkeit auf ewige Treue.“ Doch das Ganze zu verurteilen, hilft nicht. Denn selbst Stacheldraht verhindert Fremdgehen nicht. Die Expertin findet: „Fremdgehen ist Teil des Lebens. Es gehört dazu und wird immer dazugehören.“

Von Fremdgehen und Polyamorie

Die gute Nachricht: Fremdgehen muss nicht zwingend das Aus für die Beziehung bedeuten. Melanie Mittermaier erzählt: „Auch mir ist es passiert: Ich habe mich fremdverliebt. Und zwar so, dass ich nicht mehr essen, schlafen und denken konnte. Ich war total hin- und hergerissen zwischen Schmetterlingen im Bauch und dem Wissen, dass ich dieses Gefühl überhaupt nicht fühlen darf – geschweige denn ausleben.“

Und was macht man in der Not? Man setzt sich hin und googelt. Melanie Mittermaier: „Google hat mir erzählt, dass es neben geschlossene Beziehungen, in denen keiner raus und keiner reinkommt, auch offene Beziehungen und Polyamorie gibt. Das bedeutet, es ist möglich, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Daraufhin habe ich das Konzept der Monogamie intensiver beleuchtet und mich stark damit auseinandergesetzt.“

Seit fünf Jahren arbeitet die Expertin inzwischen mit allen drei Seiten von Dreiecksbeziehungen: „Dabei habe ich eins gelernt. Der Satz ‚Schatz, es ist nicht so wie du denkst’, der stimmt immer. Es ist nie so wie die Betrogenen denken. Es ist allerdings auch nicht so wie die Betrügenden glauben und schon gar nicht so wie die Geliebten denken. Die Geliebte denkt zu Bespiel, der Mann warte nur auf eine Gelegenheit, sich von seiner Frau zu trennen.“

Die verschiedenen Seiten des Beziehungsdreiecks

Statistisch gesehen trennt sich nämlich nur einer von zehn Männern von seiner Frau. Melanie Mittermaier findet: „Eine Geliebte ist kein Männerdieb. Denn um einen Mann zu stehlen, müsste er ja vorher jemandem gehört haben. Eine Geliebte ist auch nicht schuld, wenn eine Beziehung zerbricht. Denn eine Beziehung gegen die Wand zu fahren, schaffen Paare meist komplett ohne fremde Hilfe.“

Zudem muss das Opfer in einer Affäre nicht unbedingt das Opfer in der Beziehung gewesen sein. Es gehören immer mehr Personen dazu, um ein Schlammassel zu kreieren. Melanie Mittermaier: „Es ist ein Mythos, dass nur unglückliche Paare fremdgehen. Als ich mich fremdverliebt habe, war ich überhaupt nicht unglücklich. Im Gegenteil: Mein Mann und ich hatten eine Krise bewältigt und waren auf einem großartigen Beziehungslevel. Ich habe mich trotzdem in jemand anderen verliebt.“

Sind offene Beziehungen die Lösung?

Die Affären-Managerin fragt sich, warum Eifersucht und Besitzdenken besser sein sollen als Verliebtheit: „Warum sollte es nicht möglich sein, sich im Leben öfter zu verlieben? Nach zehn Jahren Ehe habe ich dann mit meinem Mann zum ersten Mal diese Gespräche geführt. Wir haben uns entschieden, unsere Zäune wegzunehmen, den Stacheldraht abzubauen und das Gebiet zu entmienen.“

Die Beziehung Stück für Stück zu öffnen, war kein Spaziergang, sondern harte Arbeit. Melanie Mittermaier: „Eine offene Beziehung ist herausfordernd. Für uns hat Freiheit einen hohen Wert und wir beide finden es super. Dabei bin ich total gerne monogam – meistens.“ Laut der Expertin hat Monogamie nichts mit Liebe zu tun und ist auch kein Naturgesetz: „Wir sind von Natur aus keine Vegetarier, können uns aber trotzdem entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen.“ Ob das dauerhaft aber so gesund ist, muss jeder selbst wissen.

Was Liebe wirklich ausmacht

Zudem findet die Expertin, dass Hollywood und Disney völlig unhaltbare Beziehungsmodelle installiert haben: „Wir glauben, wir finden in einer Person ein Leben lang alles – den besten Freund, den besten Papa und den heißesten Liebhaber. Und anstatt in die Beziehung zu investieren und die wirklich heiklen Gespräche mit dem Partner zu führen, machen die Paare lieber noch eine Schicht Stacheldraht um ihre Beziehung. Und wenn es dann trotz Hochsicherheitstrakt jemandem gelingt, in einem fremden Bett zu landen, dann gibt’s die Todesstrafe – also Trennung.“

Aber muss das sein? Melanie Mittermaier: „Aus meiner Sicht ist eine Scheidungsquote von 50 Prozent viel zu hoch. Wir könnten lernen, einfach anders mit den Themen umzugehen und nicht immer gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Die Monogamie schadet der Liebe nicht. Sie ist letztlich eine Beziehungsform, die funktionieren kann, aber nicht muss. Sie kann zehn oder zwanzig Jahre in Ordnung sein und dann vielleicht eine neue Verhandlung benötigen.“

Denn wenn Monogamie verhindert, dass wir uns als Paar entwickeln, dann schadet sie laut der Expertin sehr wohl: „Was unsere Liebe und unsere Beziehungen brauchen, sind Großzügigkeit und Güte. Die Liebe ist ein Kind der Freiheit und braucht eine Offenheit im Kopf und nicht zwingend im Bett. Was die Liebe vor allen Dingen braucht ist ein Raum, in dem sie sich entfalten kann.“

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