Selbstverwirklichung
Henriette Frädrich: „Setze auf deine Herzkarte und zeig dich, wie du bist!”

„Ich war vor einiger Zeit auf einer Party. Dort unterhielt ich mich mit einem Mädel Ende 20. Sie sei jetzt in dem richtigen Alter, um zu heiraten, Kinder zu kriegen, sich „zu settlen“, anzukommen. Ich bin etwa zehn Jahre älter, 40. Ich bin genau in dem Alter, von dem ich vor zehn Jahren glaubte, es sei der ,real Shit'”, nahm Henriette Frädrich das Publikum in der Volksbühne am Rudolfplatz mit auf eine Reise. „Alles wird über den Haufen geschmissen, umgebaut, eingerissen. Und wenn sie sich das nicht trauen, dann setzen sie sich dicke Masken auf. Welcome to the real 10-year-challenge. Denn das ist alles nur Fassade. Denn ist es nicht das Schlimmste, was wir uns antun können, nichts zu verändern?”, fragt sie in die Runde.

Rucksack voller Themen

„10 Jahre – das ist ein Quantenpups im universellen Gesamtzusammenhang, aber in meinem und euren Leben ist das eine ganze Ewigkeit. Wir alle haben in den vergangenen zehn Jahren einen Rucksack tragen müssen mit eigenen Themen, mit Höhen und Tiefen, mit Glück und Trauer, mit Freude und Frust”, erzählt die Rednerin ganz offen. Zum Beispiel Tod. Auf einmal sterben liebe Menschen um dich herum und es ist nicht deine 90-jährige Oma, sondern liebe Freunde in deinem Alter. „Und du fragst dich: ,What the fuck…?’ Türen, die aufgehen und sich wieder schließen. Heiraten, Ehe, Trennung. Auf einmal sitzt du mit deinem Laptop auf dem Sofa und googelst nach ,Scheidung’. Du kommst dir dabei so unglaublich komisch vor.“

Setze auf deine Herzkarte

Angst, Verzweiflung, Zerrissenheit. Dieser ewige Kampf zwischen Kopf und Herz. Der Verstand, der dir sagt: „Hey, ist doch alles gut!” Und dein Herz sagt „Nein!” Auf die Herzkarte setzen, in den dunklen Wald reingehen, und das Haus, das du mit jemand anderem aufgebaut hast, zum Einstürzen bringen: Tränen, Schmerzen, Verzweiflung, Aushalten. Dabei taucht immer wieder die Frage auf: „Warum sind Lebenswege, die sich irgendwann aus welchen Gründen auch immer trennen, immer noch so ein Aufregerthema? Kann die versprochene Ewigkeit nicht einen Anfang haben und ein Ende, ohne dass sie ihren Wert oder ihre Bedeutung verliert. Dann den Ring wieder abzulegen und die Riesenangst davor, deinem Kind zu sagen, dass sich seine Welt verändern wird. Aber was willst du denn deinem Kind vorleben? So tun, als ob? Oder zeigst du deinem Kind, dass sich Dinge verändern? Dass sich Dinge auch verändern dürfen und dass es einzig und allein darum geht, wie wir damit umgehen.

„Zeig dich, wie du bist!“

Und genau das ist Persönlichkeitsentwicklung. Der hungrige Zahn der Zeit, der an uns allen knabbert. An der Uni vorbei joggen, die ganzen Studenten-Scharen sehen und sich immer noch wie eine von ihnen fühlen – dabei ist das Studium schon 20 Jahre her… Masken tragen, sich viel zu lange verstecken, so tun als ob – und dann irgendwann den Mut haben, seine Maske abzusetzen und sich zu zeigen. Gehe „All in” und zeige dich der Welt, wie du wirklich bist. Du wirst feststellen, dass sich die anderen Menschen um dich herum plötzlich auch so verhalten. Wenn du dich zeigst, wie du bist, legen die anderen auch ihre Rüstungen ab. Egal, welche Show wir hier alle ablegen: Am Ende des Tages wollen wir hier alle das Gleiche: uns miteinander verbunden fühlen. Das geht nur ohne Masken oder Rüstungen, wenn wir uns in unserer Verletzlichkeit zeigen. 

Krasse Veränderungen in deinem Leben

Schwanger sein, dein Körper, der die krasseste Veränderung seines Lebens durchmacht, verfluchen, bestaunen, bewundern – und das irgendwie nie so ganz begreifen können, dass gerade in dir ein Kind heranwächst. Das ist mein kleiner Mensch, der aussieht, wie ich. Ein Kind bekommen ist so normal und gleichzeitig so krass. Ich bin Superwoman! Plötzlich bist du Mama. Für einen kleinen Jungen, der Fixstern seines Lebens sein. Ihn sagen zu hören: „Mami, wenn du stirbst, sterbe ich auch.“ Für jemanden alles zu sein, ist unbeschreiblich schön und gleichzeitig total erdrückend, beängstigend. Ärzte erklären es mit der Hormonumstellung. Das Wort, mit dem sie das Unaussprechliche nicht ausspricht: ,Schätzelein, willkommen im Club der Frauen, die Brigitte Woman lesen.’ Mit so Titel-Themen wie ,Wenn der Partner Rentner wird’, ,Lust & Sex im Alter’. Es ist doch krass. Mit 30 ist man noch jung und mit 40 plötzlich alt. Und dieses ungeschriebene Gesetz, dass wir jetzt mit Druck alles noch in den nächsten zehn Jahren auf die Kette bekommen müssen: Haus, heiraten, Eigentum, Kinder bekommen, Karriere, Altersvorsorge…

Sei für dich der Fels in der Brandung

Wenn ich mal davon ausgehe, dass ich 100 Jahre alt werde, und mir dann überlege, dass ich mit diesem Weltbild 30% meines Lebens jung und 70% alt bin – puh. Wenn ich diesem Weltbild Glauben schenken möchte, dann möchte es mich in zehn Jahren in folgende Schublade stecken: www.forumfuersenioren.de – hier trifft sich die Altersgruppe 50+. Nicht zu übertreffen: www.feierabend.de – hier chatten über 50-Jährige über ihre Probleme im Alter. In zehn Jahren bin ich eine Seniorin? Feierband? Schicht im Schacht? Alternde Eltern und deren Sorgen, Ängste und Nöte. Dass nicht mehr Verdrängen, sondern auch da hinschauen, auch wenn es unglaublich weh tut, denn es ist dein Fels in der Brandung, der da bröckelt. Dann darfst du für dich feststellen: Vielleicht bin ich ja auch mein Fels in der Brandung. Ein Herz, das auf einmal andere Dinge will und vielleicht bist du bereit, dein Herz eines Tages neu zu verschenken. Ein altes Haus abbauen, ein neues aufbauen. Das eine Buch schließen, ein neues anfangen. Vielleicht traust du dir zu, ein neues Haus zu bauen ohne einen Bauplan und mit nicht verhandelbaren Inventar.

Sei die beste Version von dir selbst

Nichts mehr müssen, aber so vieles wollen… Hildegard Knef singt „Für mich soll’s rote Rosen regnen. Mir sollten sämtliche Wunder begegnen (…)” – Grenzen überschreiten, neue Grenzen setzen, Tabus brechen, Weltbilder verschieben, sich ausprobieren, experimentieren, Risiken eingehen. Immer wieder. Wenn nicht jetzt, wann dann? Social Media, Facebook, Instagram, Lärm, Krach, Fakenews, Algorithmen – „let’s get digital”. „Sei die beste Version von dir selbst und lebe dein Potenzial“ – echt jetzt? Muss denn wirklich alles, was kann? Die Chance, dass wir geboren werden, liegt bei 1:400 Billiarden: Wir sind alle ein verdammtes Wunder und wir sollten verdammt noch mal dankbar sein. Und dennoch sind wir weltmüde. Wir wissen nicht, wo oben und unten ist, warum bin ich hier, was mache ich für einen Unterschied? Ist nicht eigentlich alles egal? Und dann doch innehalten, stehen bleiben, staunen, bewundern und keine Antworten, Gründe oder einen Sinn brauchen. Einfach da sein und den schönsten Sommer seines Lebens zu erleben, in die Sterne zu gucken, Händchen halten, Croissants essen, Rosè trinken, glücklich sein. 

„Zieh rechtzeitig die Reißleine!“

„Ich habe beispielsweise eine Firma gegründet und sie auch wieder begraben. Da machst du alle Phasen durch. Von Begeisterung, Glaube, Mut, Euphorie und Hoffnung. Wenn es dann nicht so läuft: Frust, Enttäuschung, Wut, Ärger, irgendwie weitermachen“, erzählt Henriette offen und ehrlich. Irgendwann akzeptierst du diesen Zustand, darfst dann aber auch loslassen. Es gehört zum Leben dazu, auch mal auf die falschen Pferde zu setzen, sagt sie. „Du musst nicht immer wissen, wo es entlang geht. Du darfst auch mal herumeiern. Racker dich nicht ab für ein kleines bisschen Geld und herzlose Projekte, die dich versteinern lassen. Zieh rechtzeitig die Reißleine und holze alles ab, was nicht du bist, was nicht zu dir gehört. Entscheide dich für Freiheit, Wahrheit, Umkrempeln. Und auf einmal kommen sie, die schönen Dinge. Von ganz allein!“

Bleib im Vertrauen

Weniger Haben, mehr Sein. Weniger Außen, mehr Innen. Steige aus alten Shows aus, spiele bei vielen Gesellschaftsspielen nicht mehr mit. Ankommen müssen? Nö! Sei einfach unterwegs nach irgendwo, nirgendwo. Bleib im Vertrauen! Und dann schau mal, in zehn Jahren, wohin dich deine Sehnsucht getrieben hat und ob ihr ihr wirklich gefolgt seid. Genau das ist die echt „10-Year-Challenge”!

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