Erfolg & Erfüllung
Dieter Lange: Warum arbeitest du eigentlich?

Dieter Lange: Warum arbeitest du eigentlich?

Warum arbeitest du eigentlich? Arbeitest du, um Geld zu verdienen? Oder um deinen sozialen Status zu erhalten? Die allermeisten Menschen beantworten diese Frage in irgendeiner Form mit den Wörtern „um … zu“. Das ist nicht ungewöhnlich, allerdings ziemlich traurig. Denn es bedeutet, dass sie sich auf ein fernes Ziel in der Zukunft beziehen – und dabei Gefahr laufen, den Moment zu verpassen.

Das „eigentlich“ in der Frage sollte stattdessen für das zugrundeliegende Motiv stehen. Was das bedeutet und warum viele Menschen nicht um der Arbeit selbst willen arbeiten, erklärt Dieter Lange. Der Führungskräfte-Trainer ist erfolgreicher Top-Speaker und Experte für Produktivität. Er stand bereits mehrfach bei GEDANKENtanken Rednernächten auf der Bühne und befasst sich mit spannenden Themen rund um Veränderungen. Dabei beleuchtet Dieter Lange sowohl berufliche als auch private Veränderungsprozesse. Er setzt wertvolle Impulse und erweitert damit garantiert auch deinen Horizont.

Wieso ein Burnout fast normal ist

Schauen wir uns die (Arbeits-) Welt, in der wir leben, einmal genauer an. Sie ist laut Dieter Lange vor allem komplex, unsicher und ambivalent. Der Experte weiß, dass eine hohe Rate der Krankmeldungen psychisch bedingt ist: „Wir haben eine exponentiale Entwicklung bei Depressionen. Burnout betrifft ungeheuer viele. Einige Burnout-Betroffene trauen sich inzwischen, sich zu outen. Andere arbeiten bis zum Umfallen.“ Was sind die Gründe für das Arbeiten bis zum Ausbrennen?

Zunächst einmal räumt Dieter Lange ein, dass die Sinnhaftigkeit des Tuns für eine Großzahl der Arbeitnehmer verloren gegangen ist: „Das Herzblut ist nicht mehr da. Der Werkstolz fehlt.“ Kein Wunder, denn alles, was oftmals zählt, sind Daten, Änderungen und Fakten. Dieter Lange: „Viele Unternehmen sind zahlengetrieben, es geht um Ergebnisse, die quartalweise geliefert werden müssen. Langfristige Planung ist kaum mehr durchführbar. Und damit ist die Sinnhaftigkeit für viele Arbeitnehmer verloren gegangen. Jeder versucht, seine Sachen möglichst kurzfristig optimal aufzustellen.“

Die Folgen sind permanenter Druck, Überarbeitung und die Frage nach dem übergeordneten Sinn. Ein oftmals kontraproduktiver Ansatz, wie Dieter Lange weiß: „Die Ziele des Unternehmens sind sozusagen die Säulen des Tempels. Aber wer fragt eigentlich nach dem Dach des Tempels? Könntest du für die Firma, bei der du arbeitest, sagen, was das Dach des Tempels ist?“

Was die Generation Y im Job will

Das Dach des Tempels besteht nicht aus Zielen, sondern aus dem Kontext, dem übergreifenden Handlungsspielrahmen, der eigentlichen Idee des Unternehmens. Dieter Lange bezeichnet es als Nordstern – als das, was die Menschen wirklich bewegt: „Wer die Herzen der Menschen erreicht, braucht sich um ihre Köpfe nicht zu sorgen. Aber gewinn erstmal die Herzen! Das geht nicht über Zahlen. In der Leidenschaft lebt der Mensch, in der Vernunft existiert er nur.“

Wer Leistung will, muss heute also Sinn bieten. Dieter Lange erklärt, dass genau dies zu großen Herausforderungen mit der Generation Y führt: „Die 20- bis 35-Jährigen haben bestimmte Kriterien, anhand derer sie festlegen, für welches Unternehmen sie arbeiten möchten. Dazu zählen die Sinnhaftigkeit ihres Tuns, der Handlungsspielraum, die soziale und kulturelle Art des Umgangs sowie die Weiterbildungsmöglichkeiten. Das Gehalt steht vergleichsweise weit hinten.“

Warum du aus Liebe oder Angst arbeiten kannst

Gleichzeitig gilt, dass kaum ein Mitarbeiter sein Unternehmen nur des Geldes wegen verlässt. Natürlich kannst du auf der Gehaltsleiter dank eines Jobwechsels einige Sprossen nach oben klettern. Dieter Lange ist sich aber sicher: „Menschen verlassen nicht ihre Firma, Menschen verlassen ihre Vorgesetzten.“ Bevor es zum endgültigen Jobwechsel kommt, sind die meisten Mitarbeiter in der Regel schon längst demotiviert. Dieter Lange: „Einige arbeiten sogar passiv-aggressiv, also gegen den eigenen Arbeitgeber. Sie lassen sich nur nichts anmerken. Der Rest arbeitet mit freizeitorientierter Schonhaltung.“

Was also ist das eigentliche Motiv in einer Welt, in der nur noch wenige Mitarbeiter hoch engagiert und mit vollem Herzen dabei sind? Laut Dieter Lange gibt es grundsätzlich lediglich zwei übergeordnete Motive für Motivation: „Was immer du tust, tust du entweder aus Liebe oder aus Angst. Es gibt kein anderes Motiv. Wo Angst ist, ist niemals Liebe. Und wo Liebe ist, ist niemals Angst.“

Wer lediglich aus Angst arbeitet – zum Beispiel aus Angst, kein Geld zu verdienen, keinen anerkannten Status zu haben oder den gesellschaftlichen Normen nicht zu entsprechen – der wird niemals mit Herzblut bei der Sache sein. Doch was genau unterscheidet Angst von Liebe? Und wie hilft dir dieses Wissen dabei, die Frage „Warum arbeitest du eigentlich“ besser zu beantworten? Dieter Lange beschreibt dazu eine Entwicklung, die jeder Mensch durchlaufen kann. Sie besteht aus sechs Gründen beziehungsweise Ebenen und beantwortet Schritt für Schritt, warum Menschen arbeiten.

1. Sicherheit

Der erste Grund, zu arbeiten, ist Sicherheit. Dieter Lange: „Wir leben in einem Sozialstaat. Wir müssen niemals hungern und können immer ein Dach über dem Kopf haben, sodass wir nicht frieren. Der Mensch in der dritten Welt will schlichtweg überleben. Ist das gegeben, streben wir nach der nächsten Ebene.“

2. Unsicherheit

Gemäß Polaritätsgesetz ist nichts ohne sein Gegenteil wahr – und das Gegenteil von Sicherheit ist Unsicherheit. Als logisch denkender Mensch fragst du dich nun: „Ja was denn jetzt?“ Doch im Leben gilt immer: sowohl als auch. Dieter Lange behauptet: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe an guten Tagen. Wir suchen den Thrill und die Angstlust. Wir wollen Herausforderungen. Auch das ist für die meisten von uns bereits gegeben.“

3. Signifikanz

Sind die beiden vorherigen Ebenen da, strebt der Mensch nach Signifikanz. Dieter Lange: „Du möchtest jemand Besonderes sein. Und dazu sammelst du eine Menge Prothesen für dein Selbstwertgefühl. Dazu gehören Jobtitel, das Vorzeige-Auto und weitere Statussymbole.“ Doch manchmal solltest du innehalten und hinterfragen, ob das wirklich notwendig ist. Oftmals geben Menschen Geld aus, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit wiederum Menschen zu imponieren, die sie nicht mögen. Ganz schön verrückt, oder? 

Wie du Ego-Trips besiegst

Zusammenfassend lassen sich die ersten drei Gründe laut Dieter Lange als Ego-Trips bezeichnen: „Unser Ego ist unser Verstand, der um sein eigenes Überleben kämpft. Und auf den genannten drei Ebenen haben wir es immer mit dem gleichen Motiv zu tun, nämlich mit der Angst. Angst, dass das Leben nicht sicher ist. Angst, dass das Leben langweilig ist. Angst, in den Augen anderer nichts zu zählen.“

Das Motto auf diesen drei Ebenen lautet: Mehr ist besser. Höher, schneller, weiter! Doch davon solltest du dich verabschieden, denn das Leben verläuft nicht linear. Dieter Lange: „Wir zahlen vor allem für Signifikanz einen unheimlich hohen Preis. Glücklicherweise begreifen viele Menschen an dieser Stelle, dass es um mehr im Leben gehen muss. Das bedeutet: Wir brauchen eine Transformation, einen qualitativen Schritt. Weg von der Signifikanz, hin zu einer neuen Ebene.

4. Inneres Wachstum

Bitteschön, hier ist sie, die neue Ebene! Sie ist dem inneren Wachstum gewidmet. Es gilt: Geben ist seliger als nehmen. Dieter Lange: „Wenn dieses innere Wachstum zu einem Kulminationspunkt kommt, dann bist du in der Lage, anderen Menschen etwas zu geben, ihnen Tribut zu zollen.“

5. Kontribution

Auf dieser Ebene ist es nicht mehr die Angst, die dich antreibt, sondern Liebe. Und statt dich weiter auf dem Ego-Trip zu befinden, betrittst du nun den Weg zur Selbstverwirklichung. Dieter Lange: „Was nützt es, wenn du die Welt gewinnst, aber deine Seele Schaden nimmt?“

6. Menschsein verwirklichen

Die sechste Ebene ist die höchste, die du erreichen kannst. Denn an diesem Punkt hast du das Menschsein verwirklicht. Dieter Lange: „Unsere Antwort auf die Frage „Warum arbeitest du eigentlich“ muss von hier kommen. Solange du etwa tust „um … zu“, lebst du am Leben vorbei. Doch auf dieser Ebene verstehst du, dass die Freude im Tun an sich liegt. Hier erlebst du wieder Werkstolz und gehst in deiner Arbeit auf.“

Weshalb du aus Freude am Tun arbeiten solltest

Genau dieses Selbstverständnis musst du zurückgewinnen. Oder wie Dieter Lange sagt: „Wir müssen Freude auf dem Weg haben, denn der Weg ist das Ziel. Nichts gegen Ziele, die setzen Handlungen in Gang. Aber die Freude liegt nicht im Ankommen, sondern immer auf dem Weg.“ Die Dominanz des Egos muss also zurücktreten. Dieter Lange: „Es geht nicht um Haben oder Tun, es geht ums Sein. Mach Dinge aus Freude am Tun!“

Frage dich, auf welche Frage oder Herausforderung du die Antwort in deiner Firma bist! Versuch, deine Lebensziele als Kapitel eines Buches zu betrachten, und finde heraus, wie der Titel des Buches deines Lebens heißt. Dieter Lange hält fest: „Der Sinn und Zweck jedes Erfolgs ist: to grow and contribute. Oder anders: An seinen Aufgaben zu wachsen und einen Beitrag zu leisten in einer Welt, in der du leben möchtest.“

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